Liebe politisch interessierte Bürgerinnen und Bürger, liebe Freundinnen und Freunde,
im November 2022 machte ein Unternehmen namens OpenAI weltweit Schlagzeilen. Ein Programm namens ChatGPT brachte plötzlich etwas auf Millionen Handys und Computer, das viele zuvor nur aus Science-Fiction-Filmen kannten. Zwar gab es schon davor erfolgreiche Systeme künstlicher Intelligenz, doch für die breite Masse blieb diese Technologie meist unsichtbar. Mit ChatGPT änderte sich das schlagartig.
Nicht einmal ein Jahr später konnte KI bereits massentauglich Bilder generieren. Viele Menschen begannen sich zu fragen, ob man Realität und digitale Fälschung überhaupt noch auseinanderhalten kann. Wieder etwas später entstanden die ersten professionell wirkenden Videos.
Die Entwicklung zeigt, wie rasant sich technologische Innovationen inzwischen überschlagen. Was heute noch als Durchbruch gilt, wird übermorgen weiterentwickelt oder überholt. Für die breite Verbreitung des Internets brauchte es viele Jahre. Künstliche Intelligenz hingegen erreichte eine ähnliche gesellschaftliche Aufmerksamkeit innerhalb weniger Wochen.
Diese Geschwindigkeit verändert nicht nur unseren Alltag, sondern stellt auch Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vor völlig neue Herausforderungen. Und genau diesen Herausforderungen müssen wir uns stellen, um den Sorgen und Ängsten in der Gesellschaft zu begegnen und gleichzeitig die Chancen zu nutzen, die sich daraus ergeben.
Immer wieder hieß es damals: „KI-Bilder und Videos erkennt man doch sofort.“ Hände mit vier oder acht Fingern, unnatürliche Bewegungen oder eine seltsame Mimik galten als Beweis dafür, dass diese Technologie niemals wirklich an den Menschen herankommen würde.
Heute sind viele dieser Fehler behoben. Fotos und Videos wirken täuschend echt und oft beeindruckend professionell. Realität und digitale Fälschung sind teilweise kaum noch voneinander zu unterscheiden.
Gleichzeitig haben aber auch wir Menschen dazugelernt. Viele verfolgen Inhalte im Internet inzwischen deutlich wachsamer und hinterfragen Bilder, Videos oder Meldungen kritischer als noch vor wenigen Jahren. Genau diese Aufmerksamkeit und Medienkompetenz werden in Zukunft immer wichtiger.
Ich erinnere mich auch an die frühen Warnungen bedeutender Persönlichkeiten der Technologiebranche. Menschen wie Elon Musk, Sam Altman oder Geoffrey Hinton forderten strengere Regeln oder sogar eine zeitweise Pause bei der Entwicklung besonders leistungsfähiger KI-Systeme, weil sie die möglichen gesellschaftlichen Auswirkungen als enorm einschätzten. Fast ironisch wirkt heute, dass einige der früheren Mahner inzwischen ständig vor einer Überregulierung und Eingriffen warnen.
Und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass wir als Gesellschaft noch immer zu wenig offen über Chancen und Risiken, Hoffnungen und Sorgen diskutieren. Viele hoffen einfach, dass alles gut gehen wird, obwohl wir uns eigentlich auf einer Reise ins Unbekannte befinden.
Klar ist jedenfalls: Unabhängig davon, ob am Ende die Vorteile oder die Risiken überwiegen – künstliche Intelligenz existiert. Und wir werden mit ihr leben müssen. Sich vollständig von dieser Entwicklung abzukapseln, wird nicht mehr möglich sein.
Umso wichtiger ist es, offen über die Auswirkungen dieser Technologie zu sprechen. Denn sie verändert bereits jetzt nahezu jeden Bereich und prägt unseren Alltag.
Ich kann Ihnen zu diesem Thema übrigens sehr den Newsletter von Gernot Blümel empfehlen. Dort werden viele Entwicklungen rund um künstliche Intelligenz einmal pro Woche auf spannende und oft auch philosophische Weise beleuchtet. (VERLINKUNG https://gernotblmel.substack.com)
Besonders spannend finde ich etwa die Frage nach Verantwortung und Haftung. Was passiert beispielsweise, wenn KI in der Medizin eingesetzt wird? Wer haftet für Fehler? Und vielleicht noch spannender: Wer haftet irgendwann für die Nicht-Nutzung von KI? Etwa dann, wenn anerkannte Programme zur Tumorerkennung nicht eingesetzt werden und dadurch Krankheiten übersehen werden?
In der aktuellen Debatte gibt es grob zwei Lager. Die einen sagen: streng regulieren, Risiken begrenzen und Gefahren möglichst ausschließen. Die anderen warnen davor, dass Europa dadurch im internationalen Wettbewerb zurückfällt und Innovationskraft verliert.
Fakt ist jedenfalls: Die derzeit führenden KI-Modelle kommen fast ausschließlich aus den USA. Namen wie Gemini von Google, ChatGPT von OpenAI oder Claude von Anthropic dominieren derzeit die Entwicklung.
Europa ist hier nicht führend. Und genau das muss uns zu denken geben. Denn künstliche Intelligenz wird eine der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts sein. Es kann nicht unser Ziel sein, bei einer der wichtigsten Zukunftstechnologien vollständig von einigen wenigen Unternehmen aus dem Silicon Valley abhängig zu werden.
Für uns Europäer muss daher klar sein: Wir brauchen auch in diesem Bereich mehr eigene Innovationskraft, mehr Forschung und mehr technologische Souveränität.
Wir als Gesellschaft, und ja auch wir Politikerinnen und Politiker, müssen uns intensiv mit diesem Thema beschäftigen. Rund um künstliche Intelligenz kursieren viele Mythen, Halbwahrheiten und dadurch verständlicherweise auch Sorgen.
Wird KI manche Arbeitsplätze verändern oder sogar ersetzen? Wahrscheinlich ja. Gleichzeitig werden aber vermutlich auch völlig neue Berufsfelder entstehen, die wir heute noch gar nicht kennen. Vielleicht führt uns die immer digitalere Welt am Ende sogar wieder stärker vor Augen, wie wichtig echte Menschlichkeit, persönliche Gespräche und zwischenmenschliche Nähe bleiben.
Ich persönlich werde mich in nächster Zeit noch intensiver mit diesem Thema beschäftigen, Gespräche führen, unterschiedliche Sichtweisen einholen und meine Gedanken dazu regelmäßig mit Ihnen teilen.
Denn eines ist klar: Dieses Thema wird unsere Zukunft massiv prägen.
Was denken Sie über das KI-Zeitalter?
Was beschäftigt Sie dabei besonders?
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Wolfgang Gerstl
Abgeordneter zum Nationalrat
